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hystéra  oder  die büchse der pandora

 

 

 


Hysterie ist die magische Linie, die die Frau vom 
19. ins 20.Jahrhundert überschritt, das Schlüsselloch, hinter dem sich die Szene ihrer Selbstbefreiung vollzog, während davor die Männer gierig beobachteten und lauschten, was sich da vollzog.

 

Hysterie steht am Beginn der Moderne und ist weder von Ibsen und seinen Figuren, noch von Freud und seinen Fallstudien zu trennen  -> vor allem aber nicht vom Theater.

Unser Projekt beschäftigt sich mit zwei Frauenfiguren, denen diese beiden Männer ihren Namen gaben und deren Text sie schrieben: Nora (Laura Kieler) aus Ibsens Ein Puppenheim und Dora (Ida Bauer) aus Freuds Bruchstück
einer Hysterie-Analyse
. Zwei Frauen, die den ihnen zugeschriebenen Text nochmals szenisch durchqueren.
Ibsen und Freud können stolz
auf einen einzigartigen Bau zurückblicken
... und doch muss sich
in diesem Bau etwas fremdes, radikal anderes eingeschrieben haben,
das ihnen Angst machte.
Sie sahen sich, je mehr sie erlauschten und erhaschten, einem zunehmenden
Prozess der Hysterisierung ausgesetzt. Zwei Zauberlehrlingen gleich
ging es ihnen wie diesem, sie wurden die Geister
nicht mehr los, die sie gerufen hatten:
Das Tendenz-Drama Ibsens entpuppt sich dabei als ein Bruchstück aus der Geschichte der Hysterie. Die Symptome, mit denen Ibsen Nora ausstattete, führen sie direkt in das Behandlungszimmer Freuds, nachdem sie ihren Mann verlassen hatte.
Nora und Dora inszenieren ihre Hysterie ganz bewusst und vor Männern. Sie glauben nicht, dass sie deren Blicken und Phantasien entkommen könnten und beginnen damit zu spielen. Ihre Darstellungsweise stellt die Auseinandersetzung mit der männlichen Ikonographie der Hysterie von Charcot, Ibsen und Freud aus, einschließlich der Hysteriesierung dieser Männer.

 

Unser Projekt sieht sich aktuell im Kontext einer neuerlichen Debatte, in der Werte, Bürgerlichkeit, Familie, Kinder im Rahmen einer sogenannten Leitkultur wieder eingeklagt werden: "Die Frauen gehören in die Kuchl, sollen die Kinder erziehen und aus."
Wodurch unterscheidet sich Freuds und Ibsens spätes Frauenbild von Aussagen à la Gunnar Prokop? Wer ist denn nun eigentlich hysterisch? Und um wessen Befriedigung geht es? Wer hysterisiert wen?

Nora und Dora sind ein Paar, die eine ist der Schatten und der Spiegel der anderen. Nora ist auch Dora, die Kindfrau, die eine hysterische Tarantella tanzt; Dora ist auch Nora, die hinter sich eine Tür zuschlägt, hinter der sie den Analytiker Freud zurück lässt. In der Umkehrung gängiger Ibsen Interpretationen interpretieren wir nicht Ibsen mit Freud, sondern Freud durch Ibsen.

 

->  Nora   Ibsen

->  Dora  Freud

Ibsen
   auf die Architektur 
seines    analytischen Dramas,
  Freud auf
   seine Architektur der   Hysterie

-> die Hysterikerinnen

-> Hysterie und Theater

HYSTERISCH SPIELEN
Hysterie ist eine bewusste Art zu schauspielern, beständig wird die Arbeit an der Rolle mit ausgestellt, ist die Arbeit am Text gebrochen im mitthematisierten und gesprochenen Subtext.
Hysterie ist eine multiple Art zu schauspielern. Die Geschlechter wechseln nicht nur von Szene zu Szene, sondern beide Geschlechter sind auch in der Handlung einer einzigen Schauspielerin präsent.
Hysterie ist am Ende eine reflektierte Art zu schauspielern. Kein Zuschauer entkommt, wie die Autoren Ibsen und Freud, der Übertragung hinter einer vierten Wand. Das Drama, das der Zuschauer vor sich zu sehen vermeint, entpuppt sich als sein eigenes.

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Werte, Bürgerlichkeit, Familie, Kinder werden heute wieder im Rahmen einer Leitkulturdebatte eingeklagt. Die Familie soll wieder zum Bollwerk einer Notgemeinschaft werden. Mann sieht sich in der Gesellschaft von Frauen dominiert. Mann rehabilitiert sich und hofft auf die Rückkehr des Patriarchats. Mann wird Revoluzzer. Mann schafft Frauenministerien ab. Mann sieht im Feminismus eine fundamentale Verirrung unserer gegenwärtigen Gesellschaft.

Es geht in diesen Debatten stets um Frauen und um die Frage, in der sich für Freud die Hysterie verkörperte: Was will die Frau?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hysterie ist die Entdeckung einer spezifisch weiblichen Sexualität und eine Szene in der Geschichte der Pornographie.

 

 

 

 

 

 

DIE BÜHNE DER HYSTERIE - Hysterie ist Theater, das im hysterisierten Drama Ibsens genau so zum Ausdruck kommt, wie in der Übertragungssituation zwischen Dora und Freud, die vor und mit ihm agierte, statt zu reproduzieren. An Ibsen, der ursprünglich Arzt werden wollte, vorbei wurde diese Art Schauspiel auseinanderdividiert. Ein Professor der Anatomie erfand das rein körperliche Theater der Hysterie: Charcot. Sein Schüler fügte diesem Körpertheater den Text hinzu: Freud. Es war die Darstellerin der Nora, Sarah Bernhard, die das Theater Charcots besuchte und deren Schauspiel Freud so bewunderte, dass er Dora nach einer ihrer Rollen benannte.

 

 

 

 

 


 

 

 

 

Die Auseinandersetzung von Ibsen und Freud mit der Hysterie hat beide zu einer Selbstanalyse verführt (Baumeister Solness, Die Traumdeutung), die wir als Bestandteil unseres Projektes vorführen. Der Schlüssel dafür ist die Übertragung, die Dora vor Freud inszenierte bzw. Hilde Wangel vor dem Baumeister Solneß, und die auch vor einem Geschlechtertausch nicht Halt machte.
Ibsen und Freud werden mit allen Konsequenzen, die die Begegnung mit der Hysterie für diese beiden Männer hatte, von Nora und Dora gespielt.

 

 

 

Wir widmen uns in diesem Projekt den Texten von zwei Männern, die im allgemeinen dafür stehen, Frauen ernst genommen, ihnen zugehört und ihnen ihre Stimme gegeben zu haben: Ibsen und Freud. Zwei Männer, die genau dieses Verständnis am Ende in einer neuerlichen Reduzierung der Frau auf ihre Fortpflanzungsfunktion widerrufen haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

HYSTÉRA oder DIE BÜCHSE DER PA-N/D-ORA
Das Stück ist konzipiert für ein mittleres Rangtheater. Das Parkett ist eine Raumbühne, in deren Mitte sich der Spielort befindet: eine durch einen knapp zwei Meter hohen, mit Gucklöchern versehenen Paravent abgegrenzte und nach oben hin offene hystéra. Der Durchmesser der hystera beträgt ca. sechs Meter. Sie hat einen mit einem Reißverschluss verschließbaren Eingang, die Materialien (Metallstäbe und Stoff) sind so verarbeitet wie bei einem Korsett.
An der Außenseite der hystéra befinden sich Stühle, auf denen die männlichen Zuschauer Platz nehmen können. Da im Laufe des Stücks die in Stuhlhöhe befindlichen Fensterchen von innen abgedeckt werden, sieht sich der männliche Zuschauer trotzdem in der Lage dem Stück zu folgen, etwa indem er sich auf Zehenspitzen oder auf die Stühle stellt und über den Paravent schaut, oder sich hinhockt bzw. hinlegt, um weiter unten liegende Sehschlitze zu benutzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die weiblichen Zuschauerinnen werden auf dem Rang platziert und sehen damit sowohl die männlichen Zuschauer beim Betrachten von Nora und Dora, als auch Nora und Dora bei ihrem Spiel.
Nora und Dora spielen der Reihe nach vor der hystéra, in der hystéra, über den Paravent hinweg, im Parkett unter den Männern und auf dem Rang unter den Frauen.
Der Spielort symbolisiert einerseits die Gebärmutter als Zufluchtsort und Abgrenzung der Frauen, die aber zugleich Gegenstand manipulatorischer und pornographischer Neugierde von Männern ist, andererseits den weiblichen Container, dessen Inhalt sich durch die Männerphantasien (beispielhaft Ibsen bzw. Freud) bestimmt, aus dem/denen sich die Frauen frei zu spielen versuchen.