[EISLERS] FAUST
Ein Lehrstück ohne Musik


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Ich werde noch entscheiden, welche Stadt, Wien oder Berlin oder
beide zusammen ich zum ständigen Wohnsitz wählen werde.
(Hanns Eisler, 1948)

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ZWISCHEN WIEN UND BERLIN

Nach zehnjährer Emigration wird Hanns Eisler im Februar 1948 wegen kommunistischer Umtriebigkeiten aus den USA ausgewiesen.
Er kehrt zurück nach Wien und schreibt die Bühnenmusik zu Nestroys Posse "Höllenangst". Als Modernist, Schönbergschüler und
Kommunist ist Eisler in Wien jedoch wenig gefragt und im Juni 1949 geht er nach Ostberlin. Dort beginnt Eisler, angeregt durch eine
Aufführung einer erzgebirgischen Puppenbühne, an seinem Faust zu arbeiten. Der Text der Oper erscheint 1952 und löst einen
Skandal aus, der Eisler in der Folge daran hindert, seinen Faust auch zu vertonen. Eisler muss sich innerhalb der Akademie der Künste
einer aus Freunden und Kollegen bestehenden Kommission stellen und sein Textbuch wird hier aufs Schärfste zerrissen, was einem
Verbot gleichkommt. Eisler geht zurück nach Wien, hat aber eben nun nicht seine Oper mit im Gepäck, mit der er sich eine Professur
am dortigen Konservatorium versprochen hatte. Eisler resigniert und komponiert für den Film.  

      Brief an das Zentralkomitee der SED vom 30. 10. 1953
      Genossen!
       ... Ich möchte klarstellen, dass ich nicht etwa weggefahren bin, um einer Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Ich musste einen
      Termin in Wien einhalten. ... Nach der Faustus—Attacke merkte ich, dass mir jeder Impuls, Musik zu schreiben, abhanden gekommen
      war. So kam ich in einen Zustand tiefster Depression, wie ich sie kaum jemals erfahren habe. ... Ich habe nun aber keine Hoffnung, den
      für mich lebenswichtigen Impuls, Musik zu schreiben, anderswo zu finden, als in der Deutschen Demokratischen Republik ...
      Mit sozialistischem Gruß Hanns Eisler

1954 kehrt Eisler nach Berlin zurück, wo man ihm die Herausgabe seiner gesammelten musikalischen Werke versprochen hat. Eine Oper
Faust wird sich nicht darunter befinden. Eisler komponiert bis auf wenige Skizzen keine einzige Note. Der Aufbau-Verlag zieht
umgehend das Textbuch zurück, die Diskussionsprotokolle verschwinden bis zu ihrer Publikation 1991 durch Ernst Bunge in Tresoren.
Auch eine Aufführung des Faustus als Sprechtheater wird Eisler nicht mehr erleben, noch 1968 wird eine Lesung und eine Inszenierung
in der DDR vor Probenbeginn verboten. Eine Uraufführung im selben Jahr am Wiener Volkstheater scheitert am vorgeblichen
"Personalreichtum" von 120 SchauspielerInnen.

     Mit Herrn Eisler ist zu sprechen, um festzulegen, wo eigentlich sein ständiger Wohnsitz sein soll, in Wien oder Berlin.
     Außerdem ist er darauf hinzuweisen, daß er, wenn er seine periodischen Saufereien in Westberlin weiterführt, keinen Aufenthalt
     in der DDR und in Berlin mehr erhält. Verantwortlich für die Aussprache: Genosse Wandel.
     Gez. Ulbricht 9.02.1955

Eislers Komponistenkarriere endet fatal in der Position eines als problematisch abgestellten und zu Tode geehrten
Musikrepräsentanten in der DDR. Er stirbt 1962 in Berlin. Seine letzte Komposition, die "Ernsten Gesänge", sind ein dem Klassizismus verschriebener Abgesang voller Verzweiflung.

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JOHANN FAUSTUS
Mangels Musik wird Eisler nicht wegen seines Librettos, dieses etwa als Dramentext genommen, angegriffen, sondern es wird als
Konzeption verstanden, als Stückezertrümmerung des klassischen Faust von Goethe, als Nestbeschmutzung, als Säulenpisse. In der Tat
stellt Eisler Goethes Faust, den deutschen, den klassischen, die Intellektuellenapologie, vom Kopf wieder auf die Füße, mit viel
Kartoffelsalat und Theaterblut, indem er auf die überlieferte Faustsage des Marionettentheaters zurück geht. Eisler wird so zum
unfreiwilligen Vorbild und Vorgänger ostdeutscher Dekonstruktion über Einar Schleefs Fräulein Julie am Berliner Ensemble 1975 bis
zu Frank Castorfs Berliner Volksbühne der 90er Jahre. Eisler hätte sich mit seiner Mischung aus Brutalität und Naivität, seiner
Dechiffrierung von religiösen zu sozialen Fragen, der körperlichen Interpretation alles hochgestochen Geistigen im besten brechtschen
Sinn da sicher sehr wohl gefühlt.

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Hanns Eisler

 

Wer sich gegen sein Volk, gegen die Bewegung seines Volkes, gegen die Revolution stellt, sie verrät, einen Bund mit den Herren schließt, wird vom Teufel geholt. (Hanns Eisler)

Es ist interessant wie Eislers JOHANN FAUSTUS als Konzeption genommen genau zu den Vorstellungen von Kunst und Werk, wir
würden sie heute als postmodern bezeichnen, gehört, wie sie Thomas Mann in seinem Roman DOKTOR FAUSTUS etwas behäbig
vorstellt. Interessant, weil Eisler zu den musikalischen Beratern Thomas Manns während der Entstehung des Romans gehörte und in
seiner Person den Zwiespalt des Romans zwischen der vormodernen Person des Protagonisten Leverkühn und diesen postmodernen
Vorstellungen von Kunst und Werk aufhebt: Das "Werk" ist nichts als Schein und Lüge angesichts der sozialen Realität, es besteht
daher nurmehr aus Versatzstücken, Zitaten, ist eine distanziert und spöttisch vorgetragene Travestie seines Gebrauchs, zutiefst
ironisch strebt es einer universellen Parodie und Persiflage als opera buffa zu: eine Puppenoper. Im Fall von Eislers FAUST führt das
Werk aber gerade durch seine Verhinderung zu einer Umkehrung des Verhältnisses von "Ästhetizismus und Barbarei" und wird somit
zu einem Spiegel des Politischen.

So wie Leverkühns symphonische Kantate "Dr. Fausti Weheklag" eine Zurücknahme der 9. Sinfonie Beethovens darstellen soll,
Brecht/Eislers MASSNAHME eine Zurücknahme der Passion Christi, so ist Eislers JOHANN FAUSTUS eine Zurücknahme von Goethes
Faust. Jener Kombination von "Ästhetizismus und Barbarei" und Blasphemie entspricht Eislers gewaltsame Art, Goethes FAUST, den
Deutschen, den (männlichen) Intellektuellen, den Humanisten, vom Kopf auf die Füße zu stellen, aus einer Apologie eine radikale
politische Anklage zu formulieren.

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[EISLERS] FAUST - EIN LEHRSTÜCK

Unser Projekt [EISLERS] FAUST besteht sowohl aus einer Inszenierung der Konzeption des FAUST von Hanns Eisler, als auch in dessen
Brechung durch die Reaktionen, die Eislers Text 1952/53 in Ostberlin auslöste. Wird die Inszenierung des JOHANN FAUSTUS genau dort
ansetzen, wo Eisler seine Zurücknahme des FAUST verankert, bei den von ihm eingeführten Elementen der comedia del arte und
seinem Rückgang auf das Puppenspiel, so bildet die Inszenierung der zweiten Ebene vor der Kontrollkommission den theatralischen
Hintergrund und wird dem klassischen Tragödienmuster folgen: ein Schauspieler tritt dem Kollektiv gegenüber. Im Ganzen entsteht so
[EISLERS] FAUST als Versuch einer Wiederaneignung des brechtschen Lehrstücks.

DIE MASSNAHME
Eisler, als Co-Autor Brechts interessiert an der politische Zuspitzung der Lehrstücke, komponiert 1930 DIE MASSNAHME. Vier
Agitatoren demonstrieren darin einem Kontrollchor, wie und warum sie einen jungen Genossen mit dessen Einverständnis
liquidierten. "Das Stück zeigt, daß es bei der revolutionären Tätigkeit Handlungen von solcher Schädlichkeit gibt, daß derjenige, der
sie begeht, dem Proletariat eventuell nur noch durch sein Verschwinden helfen kann."
(Hanns Eisler)
23 Jahre später führt Eislers Operntext ebenfalls in die MASSNAHME und an der Person des Autors aktualisiert sich nochmals das
Lehrstück: "Ich wollte darstellen einen herumgezerrten - in der Sprache der Kritiker zu sprechen - heimatlosen Kosmopoliten. Ich
habe das als Warnung darstellen wollen. Nun fällt es auf mich selbst zurück.
" Der Verfasser einer "politisch verfehlten" Faustfigur
übernimmt die vorgeschriebene und damit einzig mögliche Konsequenz: er ergibt sich der Verwaltung der "dritten Sache" und folgt
damit dem jungen Genossen, der in der MASSNAHME sein Gesicht verliert und sich in der Kalkgrube auslöschen lässt.
Eisler allerdings stimmt seiner eigenen Hinrichtung nicht nur zu, sondern komponiert sie am Ende seines Lebens aus: DIE ERNSTEN
GESÄNGE.
Der viel beschworene Konflikt in der MASSNAHME zwischen Individuum und Kollektiv, autonomer Entscheidung und Parteidisziplin,
persönlichem Gefühlshaushalt und unsentimentaler Linientreue, ist noch nicht der wahre Kern dieses Lehrstücks, sondern für uns
heute die Frage: Ob das bürgerliche Individuum als Konstrukt der bürgerlichen Gesellschaft durch diese und gerade dadurch nicht
immer schon derart korrumpiert worden ist, und zwar in seinem Entstehen, dass es in seinem Handeln, Fühlen und Wollen gar nicht
anders kann, als diese Gesellschaft als einen alternativlosen status quo wahrzunehmen. So sehr wir geneigt sind jenen Konflikt für
uns, das Individuum, die Person, die Autonomie zu entscheiden, so sehr es auch moralisch richtig sein mag, das immer schon so für
uns entschieden zu haben, so sehr können wir uns aber kaum dieser Frage entziehen. DIE MASSNAHME ist vor allem und zuerst ein
Striptease in acht Szenen: "dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand." (Foucault)

 

  Also beschlossen wir: jetzt
Abzuschneiden den eigenen Fuß vom Körper.
Furchtbar ist es, zu töten.
Aber nicht andere nur, auch uns töten wir, wenn es nottut.
Da doch nur mit Gewalt diese tötende
Welt zu ändern ist, wie
Jeder Lebende weiß.
Noch ist es uns, sagten wir
Nicht vergönnt, nicht zu töten.

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THEATER UND UTOPIE
Individualisierung ist ein Effekt von Vereinzelung und betrifft nicht nur KünstlerInnen vor allem dann, wenn sie - oder ihre Projekte -
von einer Kontrollkommission abgelehnt werden, trotzdem sie sich vor ihr zum "Hanswurst" oder zum "Hanns" oder "Faust" machen.
Danach bleibt ihnen nurmehr die Alternative, entweder zurück in die anonyme Masse zu sinken oder Teil des "hohen Tones" eines
anonymen "Kontrollchores" zu werden, der die neuesten Phrasen der Ideologien verbreitet. Die Aktualität unseres Projektes verdankt
sich diesem Grundprinzip gegenwärtiger Gesellschafts- und Kulturpolitik, darüber hinaus aber der beängstigenden
Ununterscheidbarkeit jener damaliges wie heutiges Theater skandalisierenden Standpunkte und Dogmen.

Eisler unterwegs zwischen Wien und Berlin, wie sein Faust zwischen Wittenberg und Atlanta, d. h. unterwegs zwischen Regen und
Traufe, im Herzen die Musik zum Faust, die er nie auskomponieren wird. Wir sind Eisler heute, festhaltend eine unmögliche Utopie an
unmöglichen Orten in unmöglicher Zeit: Theater machen.

"Dem Lehrstück gehört die Zukunft" (Brecht), ist es doch dessen Zweck, eine politische Haltung zur Zeit, zur eigenen Praxis und
ihrem Umfeld zu entwickeln.

... und am Ende steigen 120 SchauspielerInnen in die Kalkgrube, ein Lächeln auf den Lippen. Die "dritte Sache" schreitet vollmündig
über sie hinweg ...

Wir wollen uns der Schizophrenie Eislers stellen: Nur dort Theater zu machen, wo es nicht möglich ist.

Arbeit an der Maßnahme
 

Es liegt dem Lehrstück die Erwartung zu Grunde, dass der
Spielende durch die Durchführung bestimmter Handlungsweisen,
Einnahme bestimmter Haltungen, Wiedergabe bestimmter Reden
usw. gesellschaftlich beeinflusst werden kann.  (B. Brecht)

-> Konzeption