macht/körper/los - ein puppenspiel für einen schauspieler, eine butohtänzerin und eine schauspielerin

nach Texten von Unica Zürn und Hans Bellmer

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Der Körper lässt sich mit einem Satz vergleichen, der uns auffordern würde, ihn zu zergliedern, damit er sich über eine Serie endloser und inhaltsloser Anagramme wieder finden kann.   (Hans Bellmer)  

 

SPIEGELUNGEN 3

In diesem Projekt geht es uns um die Gegenüberstellung zweier Medien: Körper und Sprache, zweier Verfahren der Dekonstruktion: Anatomisieren (Bellmer) und Anagrammatisieren (Zürn) und um die darin sich vollziehende Spiegelung der Geschlechter: männlich und weiblich.

Mit den zwischen erotischer Obsession und Technizismus schwankenden Texten Bellmers, den sowohl konkretistischen wie dadaistischen Anagrammen Zürns, der Trennung zwischen Körper und Sprechen und der abstrakten Ausstellung der Körpersprache im Butohtanz glauben wir, nicht nur Texte für das Theater zu gewinnen, die dort kaum oder noch nie Verwendung gefunden haben, sondern auch in der Entwicklung eines abstrakten Theaters der grotesken Körper, wie sie in unseren bisherigen Projekten vorgezeichnet ist, einen wesentlichen Schritt weiter zu kommen.

In unserem Projekt macht/körper/los werden wir ausschließlich Texte von Hans Bellmer und Unica Zürn verwenden und, wie bereits in den vorausgegangenen Projekten, die Textcollage während der Proben gemeinsam mit den SchauspielerInnen erarbeiten.

 

AUSGANGSPUNKT

1957 belichtet Hans Bellmer die berühmt berüchtigte Serie photographisch pornographischer Bilder seiner Lebensgefährtin Unica Zürn, in denen er seine Idee von der Metamorphose des weiblichen Körpers durch „Verschnürung“ erprobt.

Auf den Photos Bellmers, auf denen er Unica Zürn zum Torso photographiert - ohne Kopf, um zu sprechen, ohne Glieder, um zu gehen - sieht man in Wahrheit zwei Körper:
Der erste Körper ist der, von dem Unica Zürn durch Bellmer radikal abgeschnitten wurde, der durch Unika Zürn verworfene eigene Körper, dessen schmerzvolle Geschichte sie schreibt, um den sie kämpft  und den sie am Ende aus dem Fenster wirft. Der zweite Körper ist der von Bellmer begehrte und in seiner Fragmentierung und Zurichtung sexuell aufgeladene wie beherrschte Körper, das Objekt einer Obsession, der Fetisch.

Nach der unverblassten Erinnerung, die uns von einem gewissen photographischen Bild bleibt, hatte ein Mann, um sein Opfer umzuformen, Schenkel, Schulter, Brust, Rücken und Bauch mit einem stark angezogenen Eisendraht blindlings und überkreuz umschnürt und aufgequollene Fleischpolster, unregelmäßige, sphärische Dreiecke hervorgebracht, lange Falten und unreine Lippen eingeschnitten, hatte nie gesehene Brüste vervielfacht, an unsagbaren Stellen.
(Bellmer)

Zwischen diesen beiden Aneignungen pendelt dieser Körper - in unserem Projekt von einer Butohtänzerin dargestellt - hin und her. Bellmer und Zürn - gespielt von einem Schauspieler und einer Schauspielerin - konkurrieren um diesen Körper, liefern sich eine Art Zweikampf, um ihn zu beherrschen oder um ihn zu leben.
Manchmal ist dieser Körper beängstigend kokett in seiner Unterwerfung unter Bellmers Obsessionen, ein andermal widersteht er allen Projektionen und beginnt scheinbar ein Eigenleben zu führen …

 

DIE WEIBLICHE SCHIZOPHRENIE: KÖRPER UND SPRECHEN

  Die Suche in einem Satz, nach einem neuen Sinn, anagrammatische Tätigkeit selbst, ist der Ausweg aus dem Haus des Körpers, dem versperrten Leben.
Valie Export

Zürn ist in der Photographie ein Körper, der selbst zum Bild geworden ist, zum weiblichen Bildkörper, der das männliche Begehren widerspiegelt. Wie Bellmer durch den Torso betont, wird der Bildkörper Frau, vollkommen vom Subjekt Frau und ihren Vermögen - Glieder um zu gehen, ein Kopf um zu sprechen - abgeschnitten.
In der Auseinandersetzung mit dieser Dekonstruktion kommt es bei Zürn zu einer Strategie der Verschiebung der männlichen Zurichtungen am weiblichen Objekt, hin zur Dekomposition der Sprache im Anagramm: ver-Sprechen.

 

Das ist ein Anagrammgedicht

Ein Anagramm ist das Gedicht,
gemacht im Anti-Sarg, im Sande.
An Ti gedacht, im Gras, im Sande,
stimmt dich der i-aa-Gesang an. das singt ein Tiger am am Dach.
Das ist mein Rachetag am Ding.
Da nagt sein Drama im Gesicht,
das ist ein Anagrammgedicht.

In unserem Projekt stellen wir diese Trennung zwischen Körper und Sprechen aus: Die Anagramme sind der Text der Schauspielerin, der Körper Unika Zürns das Material für die Tänzerin.
Doch die Befreiung des weiblichen Körpers aus seiner Bildfunktion fordert am Ende einen zerstörerischen Akt der letzten Konsequenz, den Selbstmord: die Pantomime, die Befreiung des Körpers von seinen Bildern – ver-Stummen.

 

DIE MÄNNLICHE SCHIZOPHRENIE: BLICK UND BEGEHREN

Bellmers Puppe ist die Doppelgängerin der Frau, die einerseits zum Spiel einlädt, die Spielgefährtin ist und andererseits genau dann abstößt, wenn sie aus ihrer Leblosigkeit erwacht und eigensinnig wird. Dann erweckt sie das Grauen vor der Anderen. Die Puppe verkörpert das, was das männliche Begehren einerseits sucht und andererseits fürchtet: sie soll wie lebendig erscheinen und doch ein lebloser Gegenstand sein, nicht lebendig und doch nicht tot.

Zwischen einer kühlen Nüchternheit, die den weiblichen Körper zerlegt und einer gestalterischen Besessenheit, die dessen Glieder derangiert und vervielfältigt, zeigt sich Bellmer als ein Ingenieur des Eros.

Wenn die Frau einmal das Niveau ihrer experimentellen Berufung erreicht haben wird, sobald sie dehnbar, schrumpfbar sein wird, mit einer Epidermis und mit Gelenken, die den natürlichen Ungelegenheiten der verzögerten Montage oder Demontage gewachsen sind ‑ dann erst werden wir uns über die Anatomie des Begehrens endgültig klar werden können, besser als wir es durch die praktische Übung der Liebe vermögen. (Bellmer)

Die Tänzerin verkörpert also nicht nur den vom Sprechen abgetrennten Körper Zürns, sondern auch den von Bellmer unterworfenen, deformierten und fetischisierten Körper. Sie kommt dieser Position beängstigend und auf groteske Weise entgegen, von den absurden Körpern heutiger Models bis zur toten oder mechanischen Puppe, die plötzlich zum Leben erwacht. Eine Männerphantasie, die ein parodistisches Eigenleben entwickelt.

    Seit jeher besessen von Gesichtern, zeichnet sie Gesichter. Nach dem ersten zögernden «Schwimmen» der Feder über dem weißen
    Papier entdeckt sie den Ort für das erste Auge. Erst wenn «man» sie von dem Papier anblickt, beginnt sie sich zu orientieren. Das erste
    Auge entsteht im Weißen. Sein Ausdruck ist bösartig und ruft mit Macht das zweite Auge herbei! Von diesem Blick her zieht sich der Kreis
    um mich zusammen. Von innen von ihm durchreist, von außen von ihm eingekreist. Sie identifiziert sich so stark mit diesem männlichen
    Gesicht, bis man plötzlich sagt: "Du siehst ihm ähnlich".   (Unica Zürn)

 

 

 

 

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