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Muthgasse 23 / Das Badener Lehrstück vom Einverständnis

theaterprocedere plant für das Jahr 2010 einen topografischen Aufriss der Gegenwart anhand des Badener Lehrstücks vom Einverständnis, Brechts skandalösen Text über die gegenseitige Abhängigkeit von Hilfe und Gewalt. Nach Ich-AG und Eislers Faust ist dies unser drittes Projekt einer Wiederaneignung des brechtschen Lehrstückkonzepts.

DAS STÜCK
Die bürgerliche Vorstellung von persönlichem Aufstieg und immerwährendem Wachstum verendet als die soziale Blase der Neuzeit im ABSTURZ: Vier Flieger sind vom Himmel gefallen. Sie verlangen nach Hilfe. Der Chor lässt die Menge darüber befinden und in Untersuchungen prüfen, „ob der Mensch dem Menschen hilft".
Das frei spekulierende Bürgertum kann sich selbst nicht mehr helfen, von der Menge, dem Chor, wird ihm aus freien Stücken nicht mehr geholfen werden. Doch es kann lernen zu sterben. ...
Tagtäglich führen uns die kapitalistischen Marktbedingungen vor, wie Hilfe schon immer verschleppt oder versagt, verhandelt, erzwungen, aufgenötigt, missbraucht, erpresst und erkauft wird. Mit Aufrufen wie "Rettet die Banken!" wird der Glaubenssatz unserer liberalen Gesellschaft eingeklagt, und sämtliche sozialen, medizinischen oder ökologischen Hilfsforderungen müssen vor der Bedingungslosigkeit eines finanzökonomischen Imperativs zurücktreten. Vom Badener Lehrstück wird dieses "Theater der Wirklichkeit" bestätigt und umgewendet in Pädagogik: „Um Hilfe zu verweigern, ist Gewalt nötig/Um Hilfe zu erlangen, ist auch Gewalt nötig/Solange Gewalt herrscht kann Hilfe verweigert werden".
Die gestürzten Flieger sollen lernen zu sterben. Diese einzige Zuwendung wird ihnen vom Lehrstück erteilt. Sie sollen begreifen lernen, worin ihre kleinste Größe besteht, dann vielleicht würfe jeder Einzelne sein Eigenstes, nämlich Namen wie Eigentum so wie alles andere, wovon sich sein bürgerliches Selbstverständnis bestimmt, als sein ihm Widrigstes von sich.

BRECHTS LEHRSTÜCKKONZEPTION
Zumeist werden Brechts Lehrstücke als didaktisch arrangierte Thesenstücke zur Propagierung bestimmter Inhalte und Ideen missverstanden. Sie sollen jedoch weder bestimmte Ideen vermitteln noch der Verbreitung bestimmter Lehren dienen. Vielmehr geht es für alle Beteiligten um einen neuen Gebrauch des Theaters, der insbesondere darauf abzielt, das Publikum an der Ausführung mitwirken zu lassen: „Das Lehrstück lehrt dadurch, dass es gespielt, nicht dadurch, dass es gesehen wird."
Brechts Lehrstücke fordern die Aufhebung der Trennung von Betrachten und Handeln, von SchauspielerInnen und Publikum. Die Ausführenden sollen eine bewusste Haltung zur eigenen sozialen Situation erlangen, über die im Prozess der Arbeit auf dem Theater nicht länger hinweggespielt wird.
Bereits im Verlauf der Produktion seiner Lehrstücke wendet sich Brecht vom bürgerlichen Theaterbetrieb ab, hin zu den „kleinen, mobilen Theaterformen“, zu denen also, „für die sie bestimmt sind und die allein eine Verwendung dafür haben... die weder für Kunst bezahlen noch für Kunst bezahlt werden, sondern Kunst machen wollen.“ Kurzum: Für Brechts Lehrstücke ergibt die Unterscheidung On-Off nach wie vor ihren konkreten Sinn, sie gehören zuallererst dem Off. 

DER SPIELORT
Muthgasse 23 verkörpert als einer von unzähligen Schauplätzen eine "Wüste des Realen", mit deren Gebrauch die Umfunktionierung des Badener Lehrstücks in eine demonstrative Besetzung erfolgt.
Der Ort ist eine eingeebnete Abrisshalde mit offenen Kellergruben, begrenzt von den Brandmauern eines modernen Bürogebäudes. Durch Licht- Bild- und Toninstallationen wird der von Brecht geforderte Einsatz von Medien an dieser Demarkationslinie zweier aufeinander verweisender Welten (Reichtum und Profitmaximierung auf der einen Seite, Ort des Absturzes und der Verwahrlosung auf der anderen) realisiert.
Für die Neukonzeptionierung des Lehrstücks war wesentlich, dass es nicht die Menschen sind, die den Ort machen. Vielmehr macht der Ort die Menschen. Keine Ideologien, keine Vorsätze oder Programme werden von außen hierher getragen, sondern Programm ist (wie jüngst demonstriert von den "Audimaxisten") der Ort selbst.

WARUM DAS LEHRSTÜCK ?
1977 schrieb Heiner Müller, „dass wir uns vom Lehrstück bis zum nächsten Erdbeben verabschieden müssen“ und versiegelte mit der Formel „einsame Texte, die auf Geschichte warten“ Brechts Lehrstücke für das Gefrierfach. Als ein Jahrhundertstück grüßt uns heute das Badener Lehrstück vom Einverständnis und schließt uns kurz mit der letzten großen Krise von 1929.
Wir wenden uns mit dem Lehrstück von den öffentlichen Formen, die das politisch-ökonomische System struktureller Gewalt und Hilfe bedienen, ab. Wir wenden uns von uns selbst als sprachlosen Zuschauern dieser Show ab und uns selbst zu, d.h. nach Alain Badiou dem „Realen", zu dem wir nur Zugang haben werden, „wenn wir uns von der Leinwand des Spektakels abwenden, um die Masse jener zu berücksichtigen, denen der Katastrophenfilm samt seines kitschigen Ausgangs niemals etwas anderes als ein Schattenspiel war“.